Fünf Tage lang wandern Sie um eine Felswand herum. Und sie verändert sich ständig.
Wilder Kaiser — der Wilde Kaiser — beherrscht Tirol nicht umsonst. Vom Tal aus sieht man ihn wie Sägen-Zähne: eine Mauer aus grauem Kalkstein mit der Ellmauer Halt an der Spitze, 2344 m, dem höchsten Gipfel des gesamten Kaisergebirges. Die Kaiserkrone führt Sie um diese Mauer in einer Runde. Sie starten in Going, nach fünf Etappen kommen Sie nach Going zurück — und zwischendrin haben Sie das Massiv von allen vier Seiten umrundet.
Warum ausgerechnet diese Runde? Weil es eine Rundtour ist, keine Durchquerung. Das Auto lassen Sie dort, wo Sie landen, kein Abhol-Taxi vom Ziel. 65 km, etwa 5000 m Aufstieg — das sind in den Beinen ungefähr vier Schneekoppe-Besteigungen hintereinander, nur mit Rucksack und Übernachtung in der Hütte. Und trotzdem ist es keine Gratwanderung für Alpinisten. Die meiste Strecke führt auf bequemen Bergsteigen unter den Wänden. Wer Adrenalin sucht, findet es. Wer nicht, kann es umgehen.
Das Gelände hat zwei Gesichter: die sonnige Südseite des Wilden Kaisers und die schattige Nordseite. Am ersten Tag steigen Sie von Going zur Gruttenhütte am Fusse der Ellmauer Halt auf — die Hütte steht dort seit ihrer Eröffnung am 14. Juli 1900 und ist der klassische Sprungpunkt für alle, die den höchsten Kaiser-Gipfel berühren wollen. Dann umfährt der Weg das Massiv, passiert den smaragdgrünen Hintersteiner See und erklimmt die Stripsenjoch — einen Sattel, der wie eine Brücke die Grate des Zahmer Kaiser und Wilder Kaiser verbindet. Genau dort steht die Stripsenjochhaus, 1577 m, erbaut von der Kufsteiner Sektion des Österreichischen Alpenvereins bereits 1902. Rund um Sie herum eine Felsenkathedrale; von den Gipfeln sehen Sie bei guter Fernsicht vom Chiemsee bis zum Grossglockner.
Wer Exposition sucht: Es gibt das Klamml — eine exponierte, mit Seilen und Trittstufen versicherte Passage. Sie ist nicht zwingend — es gibt eine leichtere Umgehung. Aber wer sich traut, kraxelt durch eine Kluft mitten im Herzen des Massivs.
Die Etappen sind täglich 8 bis 16 km lang, fünf bis sieben Stunden reine Gehzeit. Übernachtet wird in Berghütten: neben Gruttenhütte und Stripsenjochhaus auch auf der Gaudeamushütte oder Kaindlhütte, je nach Routenwahl. Die Hütten liegen weit auseinander und dazwischen gibt es kein Geschäft — Essen und Wasser müssen Sie von Hütte zu Hütte mitführen.
Für wen ist das? Für einen erfahrenen Wanderer mit sicherem Tritt und ohne Höhenangst. Keine Kletterei erforderlich, aber fünf Tage hintereinander und ordentliches Höhenmeter. Familien mit älteren Kindern schaffen es, Kleinkinder im Rucksack oder Kinderwagen nicht. Wann aufbrechen? Von Juni bis Mitte Oktober, je nach Schnee — die Sättel halten Firn lange bis in den Sommer, ideal ist Ende Juni bis September.
Übrigens: Diese Gegend ist Ihnen wahrscheinlich bekannt, auch wenn Sie noch nie dort waren. Die Gegend um Ellmau und Going ist seit 2007 Schauplatz der deutschen Fernsehserie Der Bergdoktor — die Praxis des Bergheilkundlers und das Wirtshaus Wilder Kaiser stehen genau hier, unter der Mauer, um die Sie herumwandern.
Wie Hütten reservieren? Die Hütten gehören meistens zum Alpenverein — buchen Sie die Betten im Voraus, besonders wochenends ist oft voll. Sonntag oder Montag als Starttag ist klug, so vermeiden Sie den Wochenend-Andrang. Von Going fährt zum Startpunkt Hüttling ein kostenloses Shuttle-Bus.
Fünf Tage lang wandern Sie um eine Felswand herum. Und am fünften Tag stellen Sie fest: Sie haben sie umrundet — und sie lässt Sie nicht aus ihrem Blickfeld, auch nicht für einen Augenblick.
Wähle das Startdatum — bei jeder Nacht auf der Route siehst du sofort die freien Betten und reservierst direkt über das offizielle System des Alpenvereins.