Ganztags. Und Sie treffen niemanden.
Auf dem Pfunderer Höhenweg ist das echte Statistik, nicht Poesie: sechs Tage queren Sie Grat zwischen 2.000 und 3.000 Metern und es ist gute Wahrscheinlichkeit, dass die einzige Menschenseele, die Sie tagüber sehen, ein Hüttenwirtschafter am Feuer ist. Während Zillertal und Dolomiten aus allen Nähten platzen, herrscht hier Stille. Pfunderer Berge — eine verwaiste Untergruppe der Zillertal-Alpen zwischen Pustertal und Hauptkamm — gehören zu den am wenigsten begangenen Ecken Südtirols. Und genau dafür kommt man.
Siebzig Kilometer. Fast 5.800 Meter höher. Start in Sterzing (1.200 m) knapp unter Brenner, Ziel unten bei Bruneck in Pfalzen. Dazwischen Gratrundtour, die die Brixen-, Bruneck- und Sterzing-Sektion des Alpenvereins absteckte — und die wirklich auf Ihre Waden drückt.
Keine Touristendurchgangsstraße mit Geländer und blauer Markierung. Das Gegenteil erwartet Sie. Route führt lange Abschnitte off-trail, über Geröllfelder, wo Sie mit Händen klettern. Drei Etappen sichern Sie Stahlseile, anderswo queren Sie Schneefelder auch im August. Orientierung ist Ihre Aufgabe. Das ist T3 bis T4 Gelände — sicherer Schritt, Kopf ohne Schwindel und Kondition zur Reserve sind nicht Empfehlung, sondern Eintrittskarte.
Lohn? Panorama, das sich sonst nicht kauft. Nach Süden leuchten Dolomiten-Türme. Nach Norden hängen Gletscher Hochfeiler und Hochferner, die zwei Wächter der Zillertal-Alpen. Tag zwei steigen Sie über Sattel Sengesjoch (2.620 m) und tief unter Ihnen liegt Wilder See (Lago Selvaggio) — mit etwa 46 m Tiefe der tiefste Bergsee Südtirols. Wer Beine und Mut hat, zweigt ab auf Wilde Kreuzspitze (3.132 m), die Krone des ganzen Gebirges.
Etappen fädeln sich wie Perlen: Tag eins treibt Sie von Sterzing über Trenser Joch bis Simile-Mahd-Alm — Viehweide, wo Käse und Milch nicht aus dem Regal, sondern aus dem Nebenstall kommen. Tag zwei über Sattel Sengesjoch und rund um Wilder See zu Brixner Hütte (2.282 m), kleine Hütte unter Wilde Kreuzspitze. Tag drei kreuzt drei Sättel nacheinander — Steinkarscharte, Keller- und Dannelscharte — und landet bei Walter-Brenninger-Biwak: acht Betten, keine Bewirtschaftung, Essen und Schlafsack tragen Sie selbst. Tag vier ist die härteste Portion, T4 Gelände, steiler Abstieg aus Gaisscharte und rund um Eisbruggsee zu Edelrauthütte (2.545 m). Diese Hütte wurde 2016 völlig neu als verglaster Energiesparhaus zwischen zwei Täler — Pfunderer Tal und Ahrntal — gebaut und ist berühmt für Hausgemachte Nudeln. Tag fünf über blühende Wiesen hinein durch Hochsägescharte zu Tiefrastenhütte (2.312 m), letzte Hütte der Route, idyllisch am See Tiefrastensee. Tag sechs über Gratland hinab in Zivilisation bei Bruneck.
Für wen das? Für den, der schon mehrtägige Hütte-zu-Hütte-Treue in den Beinen hat und kein Selfie mit Masse sucht, sondern Stille, Höhe und echte Druderei. Anfänger hat hier nichts zu suchen. Wer Berliner oder Stubaier Höhenweg geschafft und Lust auf Stufe höher rein in die Wildnis hat, ist daheim.
Wann aufbrechen? Saison kurz, grob Juli bis Mitte September. Drunter liegt Schnee auf den Sätteln, der Stahlseile blockiert, drüber droht erstes Herbstgewitter in der Höhe. Spätsommer ideal, wenn Schneefelder am kleinsten und Hütten noch offen.
Reservierungen? Hütten und Biwak voraus buchen — Kapazität eng und Hüttenmann improvisiert nicht. Reservierung direkt bei den Hütten, resp. über Alpenverein Südtirol, das Alpenvereinssegment verwaltet. Mitgliedschaft im Alpenverein öffnet den Selbversorger-Biwak noch dazu.
Sechs Tage Stille, zwei tausend Meter täglich über den Köpfen der Taltourer. Wenn abends nach Tiefrastensee das letzte Licht sich gießt und Sie sind die Einzigen, die's sehen — dann verstehen Sie, warum man genau dafür die Leere sucht.
Wähle das Startdatum — bei jeder Nacht auf der Route siehst du sofort die freien Betten und reservierst direkt über das offizielle System des Alpenvereins.