Eine Nacht im Jahr 1970 passten 681 Menschen in eine Berghütte. Nicht in ein Hotel — in eine Berghütte in zweitausend Metern Höhe. Das ist die Rappenseehütte, die grösste Hütte des gesamten Deutschen Alpenvereins, und diese dreitägige Kammtour durch die Allgäuer Alpen führt Sie auf geheimen Wegen dorthin.
Die Rappensee-Hüttentour ist nicht der klassische Weg von A nach B auf einer einzigen Markierung. Es ist eine Runde über den Allgäuer Hauptkamm oberhalb von Oberstdorf: 35 km, etwa 2.800 m Höhenmeter, drei Tage und drei Hütten, jede auf zweitausend Metern. Und vor allem — eine entscheidende Wegkreuzung, wo Sie sich entscheiden: Klettern Sie oben übers Stahlwerk, oder gehen Sie unten gemütlich an den Blüten vorbei?
Der Start liegt oben, nicht unten. Die Seilbahn Fellhornbahn setzt Sie hoch ab, und der erste Tag ist eher ein Aufwärmprogramm: 2,5 bis 3 Stunden zur Fiderepasshütte (2.067 m), die direkt unter dem Felskamm der Schafalpenköpfe an der deutsch-österreichischen Grenze sitzt. Auch Beine, die sich noch nicht »warm gelaufen« haben, schaffen das.
Der zweite Tag ist der, seinetwegen man hierher kommt. Der Weg zur Mindelheimer Hütte (2.058 m) führt über die drei Gipfel der Schafalpenköpfe — und Sie haben die Wahl. Entweder der Mindelheimer Klettersteig: der älteste Klettersteig der ganzen Allgäuer Alpen, den die Sektion Mindelheim von 1973 bis 1975 gebaut und mit 71 Stahlseilen, 184 Trittstufen und 121 Klammern ins Gestein verankert hat. Sein berüchtigtes Stück ist die Leiterbrücke, die eine tiefe Schlucht zwischen zwei Felstürmen überbrückt — unter den Füssen Luft, ringsum Panorama bis zum Gottesackerplateau im Kleinwalsertal. Schwierigkeitsgrad B/C, lang, aber international eher mittelschwer. Wer keine Sicherung hat oder keinen Kopf für Exposition, nimmt stattdessen den Krumbacher Höhenweg: die bequemste Variante unter dem Klettersteig, panoramisch, im Sommer von Blüten übersät. Derselbe Ausblick, weniger Adrenalin.
Der dritte Tag führt zur Hauptattraktion. Die Rappenseehütte steht seit 1885 auf 2.091 m — die Sektion Allgäu-Kempten baute sie als eine der allerersten Hütten in der Gegend. Heute ist sie mit 304 Betten die grösste aller 321 DAV-Hütten — ein Koloss, der jährlich etwa 15.000 Übernachtungen abfertigt. Über ihr ragen Hohes Licht (2.651 m) und Biberkopf (2.599 m) auf, unter ihr liegen die Bergseen Kleiner und Grosser Rappensee, nach denen die Hütte benannt ist. Von dort führt der Eselsweg über die Rappenalpe zurück hinab zur Birgsau.
Für wen ist das? Für erfahrene Wanderer mit sicherem Tritt und Kopf für Höhen. Das Gelände ist hochalpin, über der Baumgrenze, und auch die »leichtere« Variante verlangt feste Schuhe und einen ruhigen Magen in exponierten Passagen. Wer die volle Portion Stahl will, braucht ein Klettersteig-Set, Helm und Erfahrung — der Mindelheimer ist nichts für den ersten Versuch. Wer nicht: geht den Krumbacher Höhenweg und verpasst die Aussicht nicht.
Wann aufbrechen? Die Saison ist kurz und klar: Hütten sind etwa von Mitte Juni bis Mitte Oktober geöffnet, ausserhalb dieser Zeit ist geschlossen und der Kamm gehört dem Schnee. Am besten sind Juli und August, wenn der Klettersteig trocken ist und der Krumbacher Höhenweg blüht.
Wie reserviert man? Die Hütten gehören dem Deutschen Alpenverein und man schläft über das Reservierungssystem des Alpenvereins — online, im Voraus. Besonders die Rappenseehütte läuft in der Hauptsaison Wochen im Voraus voll. Mitgliedschaft im Alpenverein (auch beim österreichischen ÖAV oder durch einen deutschen Partner) senkt den Übernachtungspreis und gibt Vorrang. Reservieren Sie alle drei Nächte auf einmal, sonst fällt Ihr Rund auseinander.
Drei Hütten, drei Gipfel der Schafalpenköpfe, ein Klettersteig von 1973–75 und am Ende die grösste Hütte, die der Alpenverein besitzt. Die Frage lautet nicht, ob man diese Tour macht. Sie lautet, ob Sie übers Stahlwerk klettern oder unten an den Blüten vorbei.
Wähle das Startdatum — bei jeder Nacht auf der Route siehst du sofort die freien Betten und reservierst direkt über das offizielle System des Alpenvereins.