Dreißig Tage zu Fuß. Vom Marienplatz mitten in München bis zur Pflasterung des Markusplatzes in Venedig. Dazwischen 554 Kilometer, über 20.000 Höhenmeter Aufstieg und der ganze Bogen der Alpen — von bayrischen Weiden über vereiste Kämme bis zur Lagune.
Das ist kein bloßer Name auf der Karte. Der Traumpfad — »die Traumstrecke« — wurde vom Bergsteiger Ludwig Graßler ersonnen und 1977 in seinem Buch Zu Fuß über die Alpen beschrieben. Seitdem zieht es jeden Sommer Scharen hinaus mit einem einzigen Ziel: die Alpen zu Fuß überqueren, vom Anfang bis zum Ende. Keine Seilbahn, keine Abkürzung. Nur du, dein Rucksack und der Kamm, der sich über drei Länder spannt.
Die erste Woche schmeichelt dir. Wiesen, Wald, Voralpen unter der Wand des Benediktenwand — Nacht in der Tutzinger Hütte und man meint, es wird Idylle. Dann kommt der Karwendel und die Idylle vorbei. Über Karwendelhaus und Hallerangerhaus, versteckt im Herzen des gleichnamigen Naturparks, zielt der Weg zur Birkkarspitze (2.947 m), dem höchsten Gipfel des Gebirges. Seilabstieg und Schuttfelder sind die erste echte Probe — hier sieht man, wer die Tour nur aus dem Katalog kennt.
Weiter südlich hebt sich das Große: der Alpenkamm. Über die Glungezer-Hütte in 2.610 m Höhe und die Lizumer Hütte in den Tuxer Alpen steigst du zwischen vereisten Gipfeln. Von der Olpererhütte (2.389 m) öffnet sich unter dir die türkisblaue Wasserfläche des Stausees Schlegeisspeicher — einer dieser Blicke, seinetwegen man hierher kommt. Über den Pass Pfitscherjoch überquerst du die Grenze nach Italien und die Alpen übergeben dich den Dolomiten.
Und die Dolomiten sind Sinfonie. Puez-Gruppe, Sella-Massiv, Marmolata-Nordwand, Civetta-Westwand — Kalksteinkathedralen, die bei klarem Abendlicht rosa erglühen. Der Alpenteil endet in Belluno. Die letzten Tage führen durchs Piave-Tal über die bellunischen Hügel in die Tiefebene — weniger dramatisch, aber umso süßer, weil das Ziel nah ist. Finale? Boot über die venezianische Lagune vom Cavallino-Gestade und Markusplatz unter den Füßen.
Charakter des Geländes: die meiste Zeit bewegt man sich zwischen der Baumgrenze (etwa 1.800 m) und der Schneezeile (2.800 m). Täglich rauf und runter etwa tausend Höhenmeter. Manchmal Stahlseile, ein paar exponierte Stellen. Die Schwierigkeit liegt zwischen T2 und T3 — anspruchsvolle Bergwanderung, kein technisches Klettern. Trotzdem: sicherer Tritt, Kopf ohne Schwindel und alpine Erfahrung sind nicht Empfehlung, sondern Bedingung.
Für wen ist das. Für Profis auf Mehrtages-Trekkings, die dreißig Tage am Stück durchhalten und Hütten-Reservierung Wochen vorher klären. Wer noch nie auf Berghütte geschlafen hat, fang mit was Kurzerem an. Wer schon ein paar Hütten-Trekkings hinter sich hat, findet hier seinen Höhepunkt.
Wann gehen? Das klassische Fenster ist Juli bis September, wenn Hütten offen sind und hohe Pässe ohne Schnee passierbar sind. Ende Juni ist noch heimtückisch, Oktober macht schon dicht.
Wie reserviert man: Die meisten Hütten gehören dem deutschen oder österreichischen Alpenverein (DAV/OeAV) und man bucht online direkt bei der Hütte. Alpenvereins-Mitgliedschaft bedeutet Rabatt auf Übernachtung und Vorkaufsrecht. Reservieren Sie früh — in der Hochsaison sind beliebte Hütten Wochen im Voraus voll.
Der Traumpfad lässt sich nicht am Wochenende abhaken. Und genau darum geht es. Dreißig Tage, ein Kamm, am Ende eine Lagune, die dir sagt, dass du eben ganz über die Alpen bist. Zu Fuß.
Wähle das Startdatum — bei jeder Nacht auf der Route siehst du sofort die freien Betten und reservierst direkt über das offizielle System des Alpenvereins.